Ferdinand Raimund
Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Inhalt

Personen: Astragalus, der Alpenkönig; Linarius, Alpanor, Alpengeister; Herr von Rappelkopf, ein reicher Gutsbesitzer; Sophie [GS (= Glossy/Sauer): Antonie], seine Frau; Malchen, seine Tochter dritter Ehe; Herr von Silberkern, Sophiens [GS: Antonies] Bruder, Kaufmann in Venedig; August Dorn, ein junger Maler; Lischen, Malchens Kammermädchen; Habakuk, Bedienter bei Rappelkopf; Christian Glühwurm, ein Kohlenbrenner; Marthe, sein Weib; Salchen, ihre Tochter; Hänschen [Hansel], Christoph[erl], Andres[el], ihre Kinder; [Kind in der Wiege, Hund, Katze in Glühwurms Haus]; Franzel, ein Holzhauer, Salchens Bräutigam; Christians Großmutter; Sebastian, ein Kutscher, Sabine, Köchin, beide in Rappelkopfs Dienst; Victorinens Gestalt, Wallburgas Gestalt, Emerentias Gestalt, Rappelkopfs verstorbene Weiber; Alpengeister; Genien im Tempel der Erkenntnis; Dienerschaft in Rappelkopfs Hause; [ein Stier in I 20; GS: eine Kuh in I 26].
Die Handlung geht auf und um Rappelkopfs Landhaus [Landgut] vor.

1. Aufzug

Chor I 1. – Astragalus und Linarius erscheinen mit Chor I 2 („Holla hoh! Ihr Jägersleute“). Der Alpenkönig gibt sich als ein guter Geist zu erkennen, der den Frieden liebt und den Menschen hilft, besonders die „Verirrten“ mit „Freundessinn / Zum Erkenntnistempel hin“ leiten will.

Malchen erwartet froh die Rückkehr von August, der vor drei Jahren nach Italien zog, um seine Malkunst zu vervollkommnen. Damals hatte er das Vermögen seines Onkels geerbt, aber Malchens Vater war dennoch gegen die Verbindung. Während Malchen frohgemut Augusts Ankunft erwartet, hat Lischen in ihrer Begleitung große Angst, weil angeblich der Alpenkönig in der Gegend sein Unwesen treibe. Sie glaubt fest daran, daß sein Anblick jedes Mädchen auf der Stelle um 40 Jahre älter aussehen läßt. Durch einen auffliegenden Auerhahn erschrickt Lischen derart, daß sie auf und davon rennt. in diesem Moment kommt August heran (Auftrittsmonolog I 5: „Von dem meerumwogten Strande […]“).

Voller Freude fallen sich Malchen und August in die Arme. Malchen berichtet jedoch, daß ihr Vater zum Menschenfeind geworden ist. Sicherlich werde er August nicht einmal sprechen wollen und somit auch nicht seine Einwilligung zur Hochzeit geben. Der Vater ist mißtrauisch gegen jeden Menschen, nachdem er selbst einmal um eine große Summe Geld betrogen wurde. Nichts scheint ihn bessern zu können, und alle Menschen fürchten sich vor ihm. Seine Frau haßt er, well sie die Liebe zwischen August und Malchen seinerzeit gebilligt hat. Malchen ist verzweifelt, und auch August weiß keinen Rat. Da tritt ihnen der Alpenkönig entgegen, der das Gespräch belauscht hat. Vor Schreck fällt Malchen in Ohnmacht. Als sie wieder erwacht, stellt sie beglückt fest, daß sie keineswegs 40 Jahre älter aussieht.

Astragalus verspricht August und Malchen seine Hilfe, da er sich über ihre Treue zueinander freut. Schon bald werde die Hochzeit sein. Glücklich und voller Hoffnung bleiben Malchen und August zurück.

Chor I 7 [GS: I 8] „[…] Unser Herr ist gar zu wütig […]“). Rappelkopfs Dienerschaft beschwert sich bei Sophie über ihren Mann. Keiner will mehr bei ihm dienen. Doch Sophie beruhigt sie für den Moment: sie hat ihren Bruder um Hilfe gebeten, der noch am selben Tag aus Venedig erwartet wird. Dennoch sind alle nur durch ein kleines Geldgeschenk zum Bleiben zu bewegen.

Auftrittslied Rappelkopf I 11 [GS: I 12] („Nein [SW: Ja], das kann nicht mehr so bleiben, / ’s ist entsetzlich, was sie treiben […]“). Rappelkopf ist der Meinung, sein Schwager habe ihn zum Bettler gemacht, weil er ihn überredete, sein Vermögen in einem venezianischen Handelshaus anzulegen. Da er längere Zeit nichts mehr von seinem Schwager gehört hat, glaubt er, alles sei verloren. Nachdem seine drei Frauen „aus Bosheit“ gestorben sind, ärgert er sich besonders über die vierte, well sie die Beziehung von August und Malchen unterstützt. Rappelkopf zwingt Lischen, ihm zu erzählen, daß Malchen sich mit August getroffen hat. Wütend verlangt er von seiner Frau Auskunft über Malchens Aufenthalt. Sophie verteidigt ihre Tochter und August. Verletzt durch Rappelkopfs Ungerechtigkeit wendet sie sich von ihm ab, während sich Rappelkopf gleichfalls ungerecht behandelt fühlt.

Habakuk hat den Auftrag, eine Zichorie zu stechen, doch Rappelkopf glaubt, seine Frau wolle ihn ermorden lassen, und jagt den Diener davon, ohne daß dieser die Möglichkeit einer Erklärung hat.

Lied Rappelkopf (117 [GS: I 18; SW: I 14]): „Drum hinaus, nur hinaus / Aus dem mörderischen Haus! […]“). Er zerschlägt einiges Mobiliar, steckt Geld ein und verläßt das Haus.

Quintett Marthe, Salchen, Christian, die drei Kinder, das Kind in der Wiege, die Katze, der Hund I 18 [GS: I 19; SW: I 15] („Wenn ich an mein Franzel denk […]“). Die Kinder klagen über ihren Hunger, während ihr Vater betrunken im Bett liegt. Rappelkopf kommt in die Stube. Er bietet Marthe 200 Dukaten für die einfache und schmutzige Köhlerhütte. Marthe, froh über den unerwarteten Reichtum, überläßt ihm die Hütte gerne. – Sextett Salchen mit der ganzen Familie I 19 [GS: I 20; SW: I 16] („So leb denn wohl, du stilles Haus […]“). Lied mit Chor Rappelkopf I 20 [GS: I 21; SW: I 17]; (Refrain: „So leb' ich zufrieden im finsteren Haus, / Und lache die Torheit der Menschen hier aus.“ Chor: „So leb’ denn wohl, du stilles Haus, / Wir zieh’n betrübt aus dir hinaus.“)

Unterdessen ist Sophie in großer Sorge um ihren Mann, well sie glaubt, er werde nicht zurückkehren. Habakuk berichtet Sophie, daß Rappelkopf das Haus verließ, well er eine Mordverschwörung vermutete. Malchen und August fühlen sich vom Alpenkönig getäuscht.

Da erscheint Astragalus. Er versichert ihnen, daß alles seinen rechten Weg gehe. Schon am nächsten Tag werde sich alles gewandelt haben. Ariette Lischen I 24 [GS: I 25; SW: I 19] („Ach, wenn ich nur kein Mädchen wär […]“).

Der Alpenkönig erscheint bei Rappelkopf und versucht, ihn zur Besserung zu überreden, doch Rappelkopf ist der Meinung, nur er sei der gute Mensch und alle anderen wollten ihm Böses. Eine Änderung seines Verhaltens lehnt er ab. So prophezeit ihm der Alpenkönig, in dieser Hütte werde Rappelkopf seiner Vergangenheit gegenübertreten und die vier Elemente werden ihn bedrängen. Sollte sich der Menschenfeind nicht wieder der Liebe zuwenden, werde er im Wald sterben.

Rappelkopf ist völlig unbeeindruckt und entschlossen zu tun und zu lassen, was er will, doch da sieht er auf einem Stuhl die Gestalt seiner verstorbenen Frau Victorine. Kurz darauf erscheinen auch die beiden anderen verstorbenen Ehefrauen Wallburga und Emerentia. Im Mond zeigt sich zudem das Bild von Sophie. Rappelkopf bekommt es nun doch mit der Angst zu tun. Gleichzeitig zieht ein Unwetter herauf. Rappelkopf sucht Schutz auf einem Baum und sieht von dort, wie der Blitz die Hütte in Brand steckt. Der starke Regen läßt das Wasser steigen, bis es Rappelkopf am Hals steht. In höchster Not gelobt Rappelkopf Besserung, und Astragalus bringt ihn mit einem Kahn und einem Wolkenwagen in sein Schloß. – Chor I 27 [GS: I 28; SW: I 21] („Geendet ist die Geisterschlacht […]“).

2. Aufzug

Chor mit Astragalus und Alpanor II 1. – Damit Rappelkopf sich bessert, soll sein Geist in die Gestalt seines Schwagers Silberkern wechseln. Auf diese Weise soll Rappelkopf erkennen, wie alle anderen von ihm denken. Alles, was ihm in seiner alten Gestalt während der Zeit widerfährt, bleibt auch nach der Verwandlung bestehen. Rappelkopf hält sich zwar nach wie vor für fehlerlos, läßt sich aber auf die Verwechslung ein.

Astragalus selbst nimmt Rappelkopfs Gestalt an. Der echte Silberkern wird von Linarius unterdessen in einer Felsengegend ausgesetzt und muß dort warten, bis der Geist ihn wieder abholt.

Rappelkopf kehrt in sein Haus zurück, und tatsächlich halten ihn alle für Silberkern. Sophie erzählt, wie sie unter dem Mißtrauen ihres Mannes leide und daß sie ihn dennoch über alles liebe. Auf diese Weise erfährt Rappelkopf auch, daß sie ihn keineswegs ermorden lassen wollte. Das erfreut ihn zwar, aber dennoch glaubt er seiner Frau nicht. Auch Malchen versichert dem Onkel, daß sie ihren Vater, aber auch August, von ganzem Herzen liebe. Rappelkopf ist zutiefst gerührt. Für einen Moment ist er glücklich, doch dann vermutet er wieder einen Betrug hinter allem. Um mehr Licht in die Sache zu bringen, unterhält er sich mit Habakuk. Doch auch Habakuk bestätigt nur, daß von einem Mordversuch keine Rede sein könne und Sophie ihren Mann von ganzem Herzen liebe. Lischen versichert Rappelkopf zudem, daß Malchen und August sehr gut zusammenpassen und August seinem Malchen in absoluter Treue verbunden sei. Außerdem schätze er Rappelkopf sehr, obwohl dieser ihm gegenüber derart abweisend sei. Lischen sagt, sie könne es sich nicht erklären, wie jemand in dieser Situation zum Menschenfeind werden könne. – Lied Lischen II 11 [SW: II 7] („Ach, die Welt ist gar so freundlich […] Wird man nie zum Menschenfeind“).

Astragalus kommt in Rappelkopfs Gestalt ins Haus. Er führt sich ebenso auf wie der echte Rappelkopf, was dieser sofort erkennt. Rappelkopf beobachtet sein Gegenüber und findet dessen Art zunehmend abstoßend. August bittet um Malchens Hand, doch er wird abgewiesen und beschimpft. Rappelkopf findet, daß die Rolle übertrieben gespielt wird, und fängt an, sich selbst zu hassen. Als Onkel verspricht er August Hilfe und versichert ihm, daß der Vater die Einwilligung zur Hochzeit geben werde. Rappelkopf gesteht sich ein, August verkannt zu haben. Auch Habakuk gegenüber zeigt er sich jetzt toleranter als zuvor. – Arie Rappelkopf II 20 [SW: II 12] („Die Welt, ich schreib' ihr die Devise / Ist bloß ein wahnberauschter Riese […] So bin ich selbst ein großer Narr“).

Astragalus verlangt Wasser, doch keiner traut sich in sein Zimmer. Als man ihm schließlich Wasser mit Arznei bringt, glaubt er sofort, man wolle ihn vergiften. Rappelkopf ist zunehmend entsetzt von diesem Benehmen. In seiner Wut verflucht der falsche Rappelkopf Frau und Tochter. Da wird es Rappelkopf zuviel. Er greift ein und fordert Astragalus zum Duell. Sophie und Malchen versuchen die beiden aufzuhalten, doch sie lassen sich nicht beirren. Im letzten Moment fällt Rappelkopf ein, daß er sich selbst erschießen würde. Für seine Feigheit weist Astragalus ihn aus dem Haus. In diesem Augenblick bringt Habakuk einen Brief aus Venedig mit der Nachricht, daß das Handelshaus, in das Rappelkopf investiert hatte, bankrott sei. Vor lauter Schreck stürzt Astragalus aus dem Haus und will sich ertränken. Rappelkopf ist starr vor Angst, daß er auf diese Weise sein Leben verlieren könnte. Alles stürzt dem Unglücklichen nach, um ihn zu retten.

Chor II 27 [SW: II 15] („Haltet ihn! […]“). – In dem Moment, als Astragalus vom Felsen in den Strom springt, sinkt Rappelkopf ohnmächtig in die Arme seiner Frau und seiner Tochter. Im Tempel der Erkenntnis erscheinen Astragalus und Rappelkopf in ihren wahren Gestalten. Rappelkopf ist froh, noch am Leben zu sein, und verspricht Malchen und Sophie, nur noch für sie zu leben. Wegen des verlorenen Vermögens ist jedoch der Haß auf seinen Schwager geblieben. In diesem Augenblick erscheint Silberkern und bringt Rappelkopf sein Vermögen zurück, das er gerettet hat, bevor das Handelshaus fiel. Rappelkopf versöhnt sich mit seinem Schwager, und August erhält auf der Stelle die Erlaubnis, Malchen zu heiraten. August und Malchen danken dem Alpenkönig, der selbst gerührt ist, auf Knien. – Schlußgesang Rappelkopf II 29 [SW: II 15] („Erkenntnis, du lieblich erstrahlender Stern, […] [GS fehlt:] Ich hab mich erkannt heut, ich weiß wer ich bin. […]“).

Aus ‹Ferdinand Raimund, der Theatermacher an der Wien›
von Jürgen Hein und Claudia Meyer, Verlag Lehner

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