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Im Rahmen der von Univ.-Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt (Kulturabteilung der Stadt Wien, Wissenschafts- und Forschung) initiierten „Wiener Vorlesungen“ fand am 4. Oktober ein Raimund-Symposion statt, gefolgt von einem abendlichen Podiumsgespräch zum Thema „Wiener Witz und Schmäh-Formen, Themen, Strukturen“.
Einführend hob Hubert Christian Ehalt die Bedeutung Wiens als Stadt der „kritischen Kulturreflexion“ hervor, betonte die Förderung durch die Stadt Wien, würdigte in diesem Kontext die nunmehr vollendete neue historisch-kritische Ausgabe der Werke Johann Nestroys (Nestroy HKA, 1977-2004) und gab den Startschuß für die neue historischkritische Ausgabe der Werke Ferdinand Raimunds (Raimund HKA).
Auf die Notwendigkeit einer Neuausgabe der Texte in der vom Dichter intendierten Gestalt sowie in allen ihren Stufen und Fassungen ist verschiedentlich hingewiesen worden. Dabei geht es u.a. um die nachvollziehbare Wiedergabe des Gestrichenen aus den Urfassungen und um die von Raimund geübte ‚Selbstzensur’. Die Genese des jeweiligen Theatertextes und die Unterschiede zwischen authentischen und autorisierten Texten sollen nachvollziehbar gemacht werden. Die Vorarbeiten dazu haben bereits begonnen.
Die Vorträge des Symposions lenkten den Blick auf verschiedene Aspekte von Werk und Wirkung des immer noch in Polarität zu Johann Nestroy interpretierten Autors.
Johann Hüttner (Wien) betrachtete „Raimund im Theaterbetrieb der Jahre 1820 bis 1830“; er wies auf wichtige ökonomische und kulturelle Veränderungen der Theaterszene hin, u.a. auf die beginnende Auseinandersetzung der lokalen Volkskomik mit dem internationalen kommerziellen Unterhaltungstheater, Vielfalt und Breite des Repertoires, das Verhältnis der Vorstadtbühnen zu den Hoftheatern und auf die besondere Rolle des Theaters in der Leopoldstadt in diesem Spektrum. Raimunds Aufstieg fällt mit dem Nachlassen der Kraft und der Produktion der Theaterdichter Adolf Bäuerle, Josef Alois Gleich und Karl Meisl zusammen und wird von Veränderungen im Ensemble (Tod Therese Krones [1830] und Ignaz Schusters [1835]; Ausscheiden Katharina Ennöckls) sowie den monopolistischen Bestrebungen des Theaterdirektors Karl Carl begleitet. Raimunds Abgang vom Theater in der Leopoldstadt im August 1830 markiert eine neue Phase. Ferner skizzierte Hüttner Raimunds Wirken als Schauspieler, Autor, Regisseur und Theaterdirektor, sein Selbstverständnis als Künstler, der z.T. mit den lokalen Konventionen brach, eine ästhetische Versöhnung der Gegensätze sowohl thematisch als auch auf verschiedenen Stilebenen leistete sowie die Verbreitung seiner Stücke selbst in die Hand nahm und damit auch das Risiko des freischaffenden Künstlers trug.
Walter Obermaier (Wien) beschrieb Raimunds Verhältnis zur Zensur. Wohl auf dem Hintergrund der sog. Grünthal-Affäre 1818, der erzwungenen und gescheiterten Ehe mit Luise Gleich und des polizeilichen Interesses an seiner ,Aufführung' im Privatleben wie im Theater war Raimund um strikte Einhaltung der Zensurvorschriften bemüht, wie eine Passage aus einem Brief an den Prager Theaterdirektor Johann Nepomuk Steˇpanek vom 7. Dezember 1826 belegt:
[...] Ich hoffe daß die Vorsicht welche ich in meinen Stücken gegen die Wiener Censur beobachte, mir auch das Vertrauen der v. Prager erwerben wird, denn meine Stüke [!] kommen beynahe so unverändert aus den Händen der Censur, wie sie eingesendet werden. [...]
An der zunächst nicht genehmigten Aufführung der Zauberparodie Maranterl oder Die drei Rätsel (1820) zeigte Obermaier, wie die Zensur streng darauf achtete, dass „Privatabsichten“ - hier Anspielungen auf das Wagnersche Kaffeehaus - auf der Bühne nicht „geltend“ gemacht werden. Aus den dargestellten Befunden und an weiteren Beispielen zog er Konsequenzen für die editorische Konzeption der neuen historisch-kritischen Ausgabe.
Fred Walla (Newcastle, AUS) charakterisierte Nestroy als Darsteller von Raimund-Rollen auf seinem Weg ins Sprechtheater und von Graz (bzw. Pressburg) nach Wien. Nestroy spielte neun verschiedene Rollen in sechs Stücken: Der Barometermacher auf der Zauberinsel (Tutu, Quecksilber), Der Diamant des Geisterkönigs (Longimanus, Florian), Der Bauer als Millionär (Wurzel), Die gefesselte Phantasie (Nachtigall), Der Alpenkönig und der Menschenfeind (Rappelkopf), Moisasurs Zauberfluch (Hans, Gluthahn). Den Fortunatus Wurzel spielte er 41mal, den Rappelkopf 33mal, woraus man schließen kann, dass Nestroy sich in der Frühzeit auch einen Namen als Darsteller in Raimund-Rollen gemacht hat, allerdings nicht mit dessen Zustimmung, wie ein Brief vom 2. Mai 1832 aus Berlin an den Schauspieler Karl Ludolph zeigt. Raimund wirft darin Carl „Spekulationsgeist“ vor und gestattet nicht, dass Nestroy im Theater an der Wien in Die gefesselte Phantasie auftritt:
[...] Dann - habe ich allen Respekt vor HE Nestroi, wenn er auch gar keinen vor mir hat, aber wenn meine Stücke, so lange sie noch ungedruckt sind, an der Wien aufgeführt werden, so wünsche ich daß die Hauptrolle in meinem Geiste gegeben wird, wodurch die Stücke allein in ihrer wahren Gestalt erscheinen, wie es sich hier in Berlin deutlich beweiset [...]
Die Theaterkritik sieht große Unterschiede in den Darstellungen der beiden Künstler; zu Der Alpenkönig und der Menschenfeind heißt es, Raimund sei „Rappelkopf gewesen“, Nestroy habe ihn lediglich „dargestellt“, ihm habe die „innere Färbung“ und „Glaubwürdigkeit“ gefehlt.
Gerhard Renner (Wien) unterstrich die kulturpolitische Aufgabe der neuen Raimund-Edition und begründete deren philologische und theaterkritische Notwendigkeit mit Blick auf die Editionsgeschichte seit der Ausgabe Johann Nepomuk Vogls (1837) über Glossy/Sauer (1881), Eduard Castle (1903), die „Sämtlichen Werke“ (Brukner/Castle, (1924-1934) bis zu Franz Hadamowskys Edition (1971) der autorisierten Bühnenabschriften. Sowohl Schreibakt als auch intendierter Aufführungstext müssten dokumentiert werden; ferner seien Kriterien für eine adäquate Kommentierung zu entwickeln.
Im Podiumsgespräch diskutierten Konstanze Fliedl (Salzburg), Roland Girtler (Wien), Jürgen Hein (Münster/W.) und Wendelin Schmidt-Dengler (Wien), moderiert von Daniela Strigl (Wien), über „Wiener Witz und Schmäh“. Einigkeit bestand darin, dass der „Wiener Schmäh“ mehr ist als ein Gemütszustand, eher sei er eine Art von Inszenierung, Aufführung und Spiel, vor allem des Unterlegenen vom Sandler bis zu geachteten Bürger - , der sich behaupten will (oder muß). Allerdings zeige sich der „Schmähführer“ selten als Rebell.
Der Schmäh ist Phänomen einer großstädtischen Lachkultur, dem jüdischen Witz benachbart, geprägt durch die Dialektik von Aggression und Depression mit entsprechender therapeutischer Synthese. Im Internet gibt es über 7000 Einträge zum „Wiener Schmäh“, der freilich häufig auf „Häuslschmäh“ und Komik ‚unter der Gürtellinie’ reduziert wird.
Die Diskutanten boten Beispiele aus dem Alltag und aus der Literatur, witzige Formen der Selbstvergewisserung im Alltagshandeln und in theatraler und narrativer Brechung bzw. Indirektheit, im äußersten Falle von „Falschheit“ (als „Wiener Falschheit“ wird „Schmäh“ in den Wörterbüchern aus der Außenperspektive geführt). Der Schmäh als eine speziell wienerische Art des Sprechens kann geradezu als Ethnolekt bezeichnet werden. Er ist der Kontrast zum Wien-Klischee, das von Lokalpatriotismus und einer „Alt-Wien“-Bewahrung getragen wird. Ferner lenkten Diskutanten und Publikum den der Blick auf lokale und regionale Spezifika des Wiener Witzes gelenkt, auf die Polarität von Urbanem und Rustikalem, auf die Abgrenzung vom sog. „Wiener Volkshumor“ sowie auf Unterschiede zur norddeutschen Komik.
Wo Schmäh literarisch wird, z. B. im Wiener (Volks-)Theater - ein ‚anderes’ Theater, welches sich eine nicht-literarische Haltung bewahrt hat und häufig dem Darstellend-Spielerischen den Vorrang gibt - , sind im Laufe seiner Literarisierung verschiedene Ausprägungen zu beobachten: z.B. Witz als Widerstand (Hanswurst, Nestroy [Titus Feuerfuchs]), Jura Soyfer, Der Bockerer), als kritisches - oder provozierendes Einverständnis (Staberl, Raimund [Valentin], Der Herr Karl), als Selbstentlarvung oder Entblößung bürgerlicher Fassaden (Nestroy, Hofmannsthal, Horváth, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek).
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